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Stellungnahme zur Tagesspiegel-Berichterstattung „Hilflose Helfer…“

 

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

 

der Tagesspiegel wollte seinen Finger in eine Wunde legen – und hat dabei mächtig danebengegriffen: die Stadt gibt 400 Millionen Euro jährlich aus, um auch nur die schwierigsten familiären Problemlagen aufzufangen. Das tut die Stadt, indem sie vergleichsweise kostengünstige ambulante Hilfen einsetzt oder teure Heimunterbringungen beauftragt.

 

Ja, soviel Elend ist ein Skandal! Dass wir in einer nicht endenden Reihe mit erschütternden Meldungen aus Kitas und Schulen, von Nachbarn und der Polizei zu tun haben über Vernachlässigung und Verwahrlosung, Misshandlung und sexuellem Missbrauch! Das ist der tägliche Skandal. Das ist das Feld, in dem sich Jugendhilfe bewegt.

 

Die Schattenseiten der Stadt spielen aber hier keine Rolle  – der Tagesspiegelautorin und Herrn Buschkowski geht es um die 400 Millionen. Wir erfahren – vermutlich zur Befriedigung unserer urmenschlichen Skandalsucht und in Ermangelung der Bild-BZ-Leseerlaubnis-  von kaffeetrinkenden SozialarbeiterInnen, von Trägern mit Selbstbedienungsmentalität und untätigen Jugendämtern.

 

Es mag sein, dass im System Jugendhilfe Vieles verbesserungswürdig ist. So ist es z.B. völlig widersinnig, dass in der bestehenden Haushaltslogik ein Ansteigen von Fallzahlen Kürzungen bei präventiven Angeboten nach sich ziehen –das Gegenteil müsste der Fall sein.

 

Wir sind selbstkritisch genug, uns mit den Schattenseiten des Jugendhilfesystems auseinanderzusetzen: es bleibt fragwürdig, dass sich lange dauernde Hilfen besser rechnen und Arbeitsplätze besser absichern als kurze, erfolgreiche Hilfeverläufe – kurzfristig zumindest.  Trotz widriger Umstände und verlockender Vorteile dennoch ernsthaft an unseren Werten und Überzeugungen festzuhalten, begreifen wir als eine der wichtigen Herausforderungen unserer Zeit. Wir wissen, dass uns dies mit der überwiegenden Mehrzahl der Träger und ihrer MitarbeiterInnen verbindet.

 

Eine kritische Auseinandersetzung mit verschiedenen Formen der Hilfeleistung, mit mehr und weniger erfolgreichen Modellen, mit Kontrollmechanismen und politischen Rahmenbedingungen, vor allem aber auch mit verschiedenen Sichtweisen, hätte die Diskussion in der Stadt bereichern können – und wäre Ihrer Zeitung angemessen gewesen.


 

 

Sie aber holen zu einem veritablen Rundumschlag aus – undifferenziert und ohne erkennbares Bemühen, die komplexe Situation zwischen Bundesgesetzen, Haushaltspolitik und fachlichen Lösungsversuchen auch nur ein wenig zu erhellen. Es wird dabei auf diejenigen eingedroschen, die sich - unter oft schlechten Bedingungen-  dem Elend dieser Gesellschaft stellen.

 

Sie verschweigen, dass im Jahr 2002 die Ausgaben für die Hilfen zur Erziehung berlinweit 2002 noch 458 Mio. Euro betrugen gegenüber jetzt 408 Mio., Herr Buschkowski redet nicht davon, dass in seinem Bezirk die Kosten für die ambulanten Hilfen, also vor allem Familienhilfe, von 2009 nach 2010 um 14,3 % oder 1,722 Mio. Euro gesenkt wurden. Die beklagten Defizite werden vor allem durch unrealistische Haushaltsvorgaben verursacht, während aber parallel ein besserer Kinderschutz angemahnt wird.

 

Vor diesem Hintergrund entpuppt sich der Artikel als Populismus, der eher dem weiteren Sozialabbau den Weg ebnet, als dass er zum ernsthaften Ringen um bessere Lösungen auch nur ansatzweise beiträgt.

 

Wir fordern Sie auf, Ihrerseits nicht auf die schnelle Auflagensteigerung zu schielen, sondern sich mit der gebotenen Ernsthaftigkeit und ohne Diffamierungen dieser Herausforderung zu stellen: der komplizierten Suche nach dem jeweils besten Ausweg aus sozialen Notlagen von Familien und ihren Kindern.

 

Dann werden wir den Tagesspiegel auch weiterhin als kritisches, fundiertes Presseerzeugnis zu schätzen wissen.

 

 

JaKuS – Jugendarbeit, Kultur und Soziale Dienste

 

Mitarbeiterteam, Betriebsrat und Geschäftsführung

 

 

 

 

Oktober 2010

Film: Familienrat - Ein neuer Weg aus der Krise

In Zusammenarbeit mit dem Jugendamt Berlin Mitte hat JaKuS den einen Film zum Thema Familienrat produziert, in dem Familien und Sozialarbeiterinnen des Jugendamtes über ihre Erfahrungen berichten. Dauer : 25 Min.  Zu beziehen ist der Film zum Preis von 5 Euro zzgl. Versand bei der IGFH. Bitte die Bestellung per  Mail schicken an  Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! Sie müssen JavaScript aktivieren, damit Sie sie sehen können. .